Rabbinat

Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist gemäß ihrer Satzung eine Einheitsgemeinde. Das bedeutet, dass alle religiösen Richtungen respektiert werden und gleichzeitig bei allen Veranstaltungen der Gemeinde der Schabbat beachtet wird. Außerdem werden innerhalb der Gemeinde die Kaschrutgesetze eingehalten und überwacht. Sowohl die Kinder der Yitzhak-Rabin-Schule als auch die Kinder der Kindertagesstätten und Albert-Einstein-Gymnasiums werden aus der Gemeindeküche mit einem koscheren Mittagessen versorgt. Die G’’ttesdienste entsprechen dem orthodoxen Ritus.

Der Gemeinderabbiner steht den Gemeindemitgliedern für alle religiösen Fragen sowie für seelsorgerische Gespräche zur Verfügung. Wünschen Sie einen Krankenbesuch bei sich zu Hause oder im Krankenhaus, so geben Sie bitte dem Rabbinat Bescheid.
Der Rabbiner informiert Sie auch gerne über Beschneidungen, Bar- und Bat-Mizwa und jüdische Trauungen.

Bei Trauerfällen wenden Sie sich bitte an das Rabbinat. Wir helfen und erklären Ihnen das weitere Vorgehen.

Die Bedeutung der hundert Töne des Schofar 

DER GEBURTSTAG EINES „MENSCHEN“

Oberrabbiner R. Evers

Rosch Haschanah wird in der Liturgie als der „Geburtstag des Menschen“ bezeichnet. Rosch Haschanah ist als Wiedergeburt gemeint.

Sofort nach der Geburt möchte ein Baby trinken – um zu wachsen.

Zuerst das körperliche Wachstum, später das Spirituelle, also das geistig Bedeutende.

Aber dieses Wachstum setzt ein Konzept voraus, das eine Folge von Vorschriften und Sicherheitsvorgaben beinhaltet. Was besagt dieses Konzept?

Mit dem Schofar krönen wir G“tt als König der Welt, genau so wie ein irdischer König, unter Posaunenschall, seinen Thron besteigt.

G“tt als Lenker der Welt – das Hauptthema der Liturgie –  hat die grundlegenden Sicherheiten und Regelungen in sein Konzept verordnet, d.h. angewiesen, sowohl in der Natur wie in Seinen Geboten.

HÖHERE ANFORDERUNGEN

Das Schofar ruft zu Tschuwa auf, die meistens mit dem Wort „Umkehr“ übersetzt wird. Das stimmt nicht, das ist ein Fehler!

Tschuwa bedeutet Rückkehr, das Zurückwachsen zum Ursprung von Allem, zum Ursprung in uns selbst, dem wirklichen ich, das Erhabene im Menschen.

Und hierbei geht es um Achtung, Sorge und Verantwortungsbewusstsein für diesen höchsten menschlichen Inhalt. Unser tägliches Ego muss hierfür empfindlich gemacht werden.

Unser „übliches“ Gefühl muss sich mit dem Höheren vereinen und somit eine Einheit bilden. Wir müssen das Höhere in uns annehmen dürfen, wie es ist, in seiner eigenen Integrität.

Ausser Achtung ist hierzu auch die Kenntnis des Höheren in allen seinen Erscheinungsformen erforderlich.

Deshalb erinnert uns das Schofar auch an die Thora-Übergabe auf dem Berg Sinai. Da war „der Schall des Schofar  sehr laut“.

Möchten wir in unserem Judentum wachsen, benötigen wir die entsprechende Leitung hierzu. Religiöses Wachstum benötigt Leitung und Offenbarung. Mit nur der eigenen Kraft bleibt das G“ttliche unerreichbar.

Die Thora schafft die Brücke. Die Töne des Schofar vergleicht der Prophet Jeheskiel (hast.33) mit den mahnenden oder belebenden Wörtern der Propheten.

Ausschliesslich nur Thora-Kenntnisse sind ungenügend. Jedermann benötigt einen geistigen Führer, eine Art von Propheten – einen echten jiddischen Guru –um weiter zu kommen und um über sich selbst hinaus zu wachsen.

LIEBE

Die gebrochenen Töne des Schofar werden von jeher erklärt als Symbole von Seufzen und Klagen des zurückblickenden Menschen. Diese gebrochenen Töne sprechen in unserem Innersten die Erkenntnis an, dass wir uns bewusst werden sollen, dass wir in unserem gehetzten Leben die wirklich wichtigen Dinge viel zu oft liegen lassen.

Aber gerade in der Abwendung von unserer Selbstzufriedenheit und von unserer Selbstsicherheit liegt der Keim des erneuerten Wachstums: die Liebe zum G“ttlichen in uns.

Liebe für das G“ttliche, nur allein schon der Gedanke daran erfüllt uns mit Scham. Liebe zu G“tt als Gefühl der Zärtlichkeit, um das G“ttliche in der Welt nicht schaden zu wollen.

Wir reden immer über allerhand Vorschriften, aber wer hat jemals über die grosse Freude, das Glück, die Zufriedenheit, Verrücktheit oder selbst Extase gesprochen, die dieses Gefühl von G“ttes Nähe bewirkt?

Das Vergnügen und der Kontakt mit diesem Höheren drängen uns dazu, zu versuchen, soviel wie möglich hiermit zusammen zu sein. Wer traut sich zu erwähnen, dass er oder sie die tiefsten Seelenempfindungen mit dem Höheren teilt?

Das Schofar erinnert an das Kommen von Maschiach, wenn wir unsere Liebe für das Höhere öffentlich werden zeigen dürfen.

Zum Schluss erinnert das Schofar an die Auferstehung der Toten, dem Gedanken, dass jeder Mensch, jeder Körper, der das G“ttliche je erfahren hat, irgendwann in einer Zeit auferstehen wird, in der die grössere Fähigkeit zum Liebhaben und durch G“tt geliebt zu werden, auf Erden Teil eines Jeden Einzelnen geworden sei.

Das ist die wirkliche Botschaft des Schofar….sie schaut in die Zukunft, in der die Weissagung von Jesaja wahr werden wird, die vollständige Erlösung der Menschheit: : An diesem Tag wird in einem grossen Schofar geblasen werden“.

Aber im Augenblick leben wir – bedauerlicherweise – noch nicht in einer so gehobenen Stimmung und müssen mit irdischen Mitteln versuchen, unseren Geist zu beflügeln.

Das einfache Widderhorn muss uns erwecken zu:

  1. Tschuwa, Einkehr und Selbstanalyse,
  2. erinnert an das Erschaffen des Menschen – Adam wurde an Rosch Haschanah erschaffen – und ruft auf zu Wachstum und Entfaltung,
  3. führt uns in Gedanken zurück zur ersten grossen Tat der Selbstaufopferung für die Religion – die Opferung Jitzchaks (Akedat Jitzhak)- und
  4. nach dem grössten monumentalen Geschehen in der Geschichte der Menschheit: das Angebot der Zehn Gebote an das Volk Israel, Am Israel. Auch diese ehrfurchterweckende Offenbarung wird von lauten Schofartönen begleitet.

Schöne Gedanken, wie durch den babylonischen Rabbi Sa’adja Ga’on in Worte verfasst (892-942).

Aber was bedeutet Rosch Haschanah für den Menschen als Individuum?

Geschichtliche Bedeutungen auf Macroebene hinterlassen wenige Spuren im persönlichen Leben.

Aber da ging es doch gerade darum beim  Zuhören des Shofar: „Verbessert Euere Taten“!

Wie erreichen wir dieses erhöhte Ziel? Das Wort Schofar bedeutet ausser Widderhorn auch „verbessern“. Und Verbesserung bedeutet psychologisch Wachsen und Wachsen wollen.

Wachstum, Selbstbetrachtung und das Wissen um sich selbst, die Suche nach Identität und Autonomie, das Streben nach Mündigkeit müssen betrachtet werden als die meisten universellen menschlichen Bestrebungen, wenn wir den modernen Menschen richtig verstehen möchten.

Der Begriff „Wachstum“ bildet einen herausragenden Aspekt des idealen jüdischen Menschenbild.

Der Mensch wächst nicht nur, er WILL auch wachsen. Und wann ist dieser Wachstumsprozess beendet? Wenn jemand seine eigenen, individuellen Möglichkeiten vollständig hat umsetzen können

Und hierbei geht es in erster Linie um die Entfaltung der psychischen Gaben eines jeden Einzelnen.

Wird der Mensch in seinem psychischen Wachstum gebremst, können seine Reaktionen zwischen Unzufriedenheit und krankhaften Erscheinungen variieren.

HÖCHSTES EMPFINDEN

An den Hohen Feiertagen suchen wir nach höchstem religiösem Empfinden. Ein mystisch-religiöses Hochempfinden ist es, wenn man sich nach und nach sowohl von irdischen Sorgen wie von innerlichen Beklemmungen lösen kann.

Du gehst aus Dich selber hinaus, Du entsteigst geistig, indem Du Dich auf die Gebete konzentrierst, eine eingehendes, fast greifbares Erfahren des G“ttlichen in dieser Welt, gleichzeitig ehrfurchterweckend, aber auch intensiv genussvoll, durch das synagogale Ambiente.

Dieses Aufgehen ins G“ttliche geht Hand in Hand mit einem verstärkten Gemeinschaftsgefühl, einem tiefen Gefühl des sich Einbringens, der Sympathie und Zuneigung zur gesamten Menschheit.

Ausserordentliche Hochempfindungen haben begeisternde Möglichkeiten, selbst  meist einfache und grundlegende Gegebenheiten wieder aufs Neue frisch und naiv, mit Staunen, Freude, Verwunderung und selbst Extase zu schätzen, wie altbacken die Erfahrungen für Andere auch geworden sein mögen.

SCHOFAR UND WACHSTUM

Das Judentum verlangt von uns, dass wir nicht lediglich „Toppers“ werden, also Hoch hinaus, sondern auch „Wachsende“. Die Symbolik des Schofar begleitet diesen religiösen Wachstumsprozess. Rabbi Sa’adja Ga’on gibt uns verschiedene Möglichkeiten an Hand, die unsere Neschume, unsere Seele, zu Wachstum anregen.

Aber primair ist der Ruf des Schofar als eine Art Wecker gedacht. Be den meisten Menschen lebt das Gefühl, der Bedarf an religiös- geistigem Wachstum, schon lange nicht mehr.

Das raue, undifferenzierte Blasen appelliert an unsere jüdische Intuition, schüttelt diejenigen aus ihrem Winterschlaf wach, die sich unter dicken Lagen von Selbstzufriedenheit, der Jagd nach Erfolg und Fun, also Vergnügen, versteckt haben. „Es ist mehr als nur das Oberflächliche“!

Ich wünsche Ihnen Schanah Towa Umetuka –  ein gutes, gesegnetes neues Jahr FÜNFTAUSENDSIEBENHUNDERTACHZIG

und die erforderliche Imbrunst bei den Tefilot (Gebeten) und beim Schofar-Blasen.

EINEN SCHOFAR FÜR JEDEN

PERSÖNLICHE BESTANDSAUFNAHME

Oberrabbiner R Evers

Wir leben in einer „affluent society“ – in einer Gesellschaft, in der die meisten Bedürfnisse abgesichert sind. Und doch ist unsere jüdische Gemeinschaft kein Vorzeigebild von Zufriedenheit und Ruhe.

Psychologen würden sagen, wir sollten selber in einen Spiegel schauen, der nicht flach liegt. Die menschliche Psyche ist doch anders gestrickt, als wir sie meistens beurteilen.

Selbst wenn wir eine bestimmte Menge an materiellem Erfolg erreicht haben, entwickelt sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Unzufriedenheit und Rastlosigkeit, wenn wir unser tiefstes menschliches Potential nicht in die Realität umsetzen und unsere meist eigenen Fähigkeiten nicht entfalten können.

Ein Musiker muss Musik machen, ein Kunstmaler muss malen, ein Dichter muss Gedichte schreiben können, wollen diese Menschen letztendlich ihren Seelenfrieden erreichen. WAS DEN MENSCHEN AUSMACHT, DAS MUSS ER SEIN.

Er/sie muss der eigenen Natürlichkeit treu bleiben. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis an Selbsterfüllung: das alles zu werden, zu dem er/sie im Stande ist. Die genauen Formen, die diese Bedürfnisse annehmen können, werden selbstverständlich von Person zu Person sehr unterschiedlich ausfallen.

Aber es gibt EINEN menschlichen Aspekt, bei dem alle Juden gleich sind, und das ist ihr „Pünktchen Jiddischkeit“, das uns alle verbindet. Es ist dieses „Judentumpünktchen“, das zu Rosh Hashanah und zu Jom Kippur im Mittelpunkt steht und seine Wirkung beweist. Deshalb sind diese Tage die HOHEN FEIERTAGE.

DAS PRIMITIVE WIDDERHORN

ROSCH HASCHANA ist nicht nur der Anfang des Jahreszyklus. Rosch Haschana ist der Geburtstag der Welt. Es hat mich immer wieder erstaunt, dass ein einfaches Widderhorn DAS Symbol für den Geburtstag der Welt sein soll und die ganze Gemeinde, mit einhaltenem Atem, in seinen Bann zieht. Wären wir nicht von klein auf daran gewöhnt gewesen, hätten wir das höchstwahrscheinlich nie akzeptiert.

Und wenn es wahr ist, dass das Schofar zu Rosch Haschana so herausragend und unverzichtbar ist, hätten die Talmudisten uns auf die Frage eine Antwort geben müssen, wieso die meisten Vorschriften, die die Arten und Anzahl der Schofar-Töne betreffen, ausgerechnet aus den Bestimmungen für das fünfzigste Jubel-Jahr in Leviticus 25:9 hervorgehen und nicht für sich eigenständig geregelt werden durch Rosch Haschana selber (siehe B.T. Rosch Haschana, 4).

Kurz vor dem Shofarblasen lesen wie einen Psalm, der den Kindern von Korach, dem Erzfeind von Moshe, gewidmet ist. Welches Vorrecht haben sie an Rosch Haschana ? Und weshalb blasen wir so viele und so unterschiedliche Töne? Würde nicht ein einziger Ton:  TEKIA  genügen?

Der Talmud lehrt, dass wie so viele Töne blasen, um „den Satan zu verwirren“

Wer ist dieser Satan? Und wieso bläst nur EIN Mann? Wäre es nicht besser gewesen, wenn jeder für sich selber blasen würde?

Auf das Leben…….

An Rosch Haschana feiern wir das Leben selber. An Rosch Haschana wurde mit dem ersten Menschen die ganze Welt erschaffen.

Alles, was mit Leben versehen wurde, ist an diesem Tag gleich: Juden, Nicht-Juden, die Tier- und die Pflanzenwelt. Einmal im Jahr haben wir alle am gleichen Tag Geburtstag.

Genau so wie sich Menschen  verbunden fühlen, die am selben Tag Geburtstag haben, fühlen wir uns zu Rosch Haschana als Einheit mit der gesamten Schöpfung und mit dem Schöpfer dieses Universums. An diesem Geburtstagsfest der Welt fühlen wir uns dazu gehörend zu allem, was erschaffen wurde.

Die Theorie klingt gut, aber die Praxis des täglichen Lebens mit der Eifersucht, dem Kampf ums Überleben, der Konkurrenz und des Wettbewerbes, drückt uns mit unserer Nase auf die Zerbrechlichkeit unseres menschlichen Daseins. Alle Vorschriften und Bräuche von Rosha Hashanah sind dazu ausgerichtet, um das Gefühl der Einheit mit dem Rest der Schöpfung her zu stellen.

Die Einheit und Verbundenheit entspringen und fliessen aus der Einheit mit HaSchem, wogegen Satan das Symbol bedeutet für Uneinigkeit, Disharmonie und Streit.

Einheit als der wahre Sinn, als die wahre Bedeutung des Schofar, entstammt nicht nur dem Midrasch.

Es steht selbst deutlich in der Thora, in Numeri 10:1-10, wo das Volk den Auftrag erhält, die Teki´a und Teru´a –Töne zu blasen, wenn es als eine Einheit erscheinen soll.

JUBELJAHR

 

Die Vorschriften für das Schofar-Blasen werden aus dem Schofar-Blasen für das Jubeljahr abgeleitet, in dem aller Landbesitz zu den ursprünglichen Eigentümern zurückkehrt, alle Sklaven in die Freiheit entlassen werden und alle Schulden ungültig werden.

Alle Trennwände zwischen reich und arm, zwischen Chef und Mitarbeiter, verschwinden. Das Jubeljahr ist ein Jahr der sozialen Einheit. Der Psalm von Korach`s Söhnen verbreitet inhaltlich den gleichen Geist. Korach war der erste jüdische Rebell gegen die Autorität von Moshe. Er säte Zwietracht innerhalb des Jüdischen Volkes, im Auftrage von Satan?

Korachs Kinder waren ANDERS, als ihr Vater. Sie durchbrachen das elterliche Beispiel von „Machleukes“ (=unpassendes Gerede) und schlossen Frieden mit Moshe. Eines der am meisten berührenden Augenblicke von Einheit in der Thora.

EINS MIT DER WELT

 

Die universelle Einheit – Israel und die Völker – ist im Teru`a-Klang des Schofar angedeutet. Der Talmud zitiert einen Vers aus den Richtern um an zu deuten, dass der Teru`a-Klang ein gebrochener, seufzender Ton sein soll:

„Sie – die Mutter von Sisera – stotterte durch die Gitterstäbe“ (5:28). Der feindliche General Sisera wird von Debora und Barak getötet. Seine Mutter hält Wache und weint. Dem Talmud zu Folge seufzte sie hundert Mal. Deshalb blasen wir 100 Töne. Sisera dürfte wohl der Feind gewesen sein, aber der Schmerz, den eine kinderlose Mutter verspürt, überschreitet die nationalen Grenzen.

Diesen universellen, die gesamte Menschheit umfassenden Aspekt finden wir in der Vorlesung am ersten Tag von Rosch Haschana wieder, in der wir mit der Vertreibung von Hagar und Jischmail aus dem Haus von Awraham konfrontiert werden.

Jischmail wäre fast gestorben, bevor ein Wunder geschah: vor Hagar`s Augen entsprang ein Brunnen!

Der Midrasch bietet uns einen Einblick in eine himmlische Diskussion zwischen G’tt und Seinen Engeln. Die Engeln weisen G’tt darauf hin, dass Jischmail`s Nachkommen irgendwann mit dem Jüdischen Volk Krieg führen werden. G“tt entschied, das Kind doch zu retten, da es weinte, Reue zeigte und Tschuwa machte.

Das Schofar erinnert uns auch an das Gebet eines verzweifelten Jischmail und einer gebrochenen Hagar. Wie verbissen wir auch sein sollten, es gibt einen Zeitpunkt, an dem die Not sowohl einer jüdischen, wie einer islamischen Mutter in einander fliesst.

ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER !

 

Aber Rosch Haschana symbolisiert zugleich somit die Einheit mit der gesamten Schöpfung. Aus dem Horn eines Widders erklingt das Verlangen aller Geschöpfe nach Leben, von ganz hoch bis ganz tief.

Die Botschaft des Schofar ist ein Gefühl der Einheit. Letztendlich ist sie die Einheit mit G“tt, die uns bindet und auf die wir uns an Rosch Haschana alle aus richten. Die Gebete besagen von „jedem Geschöpf, das begreift, dass G“tt es schuf“ (AGUDA ACHAT) dass es der Eine ist, der uns alle verbindet und bei wem wir alle gleich sind.

Sollte jeder seinen eigenen Schofar geblasen haben, dann würden alle auf unterschiedlichen Frequenzen ihre eigene Botschaft vermitteln wollen. Das war nicht die Absicht an Rosch Haschana.

Wenn wir nur EINEM Schofar-Ton zuhören, ist die Einheit in der Synagoge wahrhaftig spürbar.

Ich wünsche Ihnen allen Shanah Towah U Metuka, hier und in Eretz Israel, ein Schnat Hatzlacha We Schalom, ein Jahr der Freude und des Erfolges!

Rosch Haschana: Die Wahl zwischen Gut und Böse, ein lebenslanges Dilemma

Oberrabbiner R Evers

„Sehet her, ICH habe heute vor Euch das Leben und das Gute, den Tod und das Schlechte ausgebreitet und ihr sollt das Leben wählen, damit Ihr und Euere Kinder leben werdet“ (Deut. 30:15-19).

Mosche war ein Mann mit den unterschiedlichsten, extremsten Erfahrungen höchster Ordnung. Er war am Hof des Pharao aufgewachsen, in der luxuriösesten Umgebung, die man sich hier auf Erden vorstellen kann.  Alle irdischen Freuden und alle Macht umgaben ihn.

Später verbrachte er mehrere Male vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berg Sinai in der Nähe von G’d, dem Gipfel eines geistlichen und spirituellen Lebens. Er wusste wirklich, wovon er sprach, als er uns sagte, wir sollten das Gute, den Segen und das Leben wählen.

Wähle das jüdische Leben, das beste von allem, was ich je erlebt habe, beriet Mosche die Menschen.

Und das ist immer noch aktuell.

Wir lesen das in der Thora, kurz vor Rosch Haschana. Wir sollen zwischen Gut und Böse wählen. Das war bereits das Dilemma von Adam und Eva im Paradies.

Aber woher wissen wir, was Gut und Böse ist? Seit dem Sündenfall sind das Gute und das Böse in einem nicht entwirrbaren Knäuel mit einander verflochten. Unser moralisches Empfinden funktioniert jedoch oft wie ein guter Kompass. Im Prinzip hat G“tt den Menschen als ein gutes und gerechtes Wesen erschaffen (auch wenn in der Praxis hiervon leider nicht viel zu merken ist). Bei jedem gehen die roten Lampen an, wenn er oder sie sich auf Irrwege wagen.

An Rosch Haschana stehen wir Auge in Auge mit unserem Schöpfer. Da führt kein Weg daran vorbei. Um mit uns selber ins Reine zu kommen, müssen wir volle hundert Prozent uns gegenüber ehrlich sein. Dieses ist manchmal äußerst peinlich.

Aber ohne diesen alljährlichen Reinigungsvorgang bleiben wir immer ein wenig eine gespaltene Persönlichkeit: gut und schlecht in einer Person. Wie kommen wir aus diesem moralischen Irrgarten heraus? Der endgültige Zweck ist, G“tt und uns selber gerade in die Augen sehen zu können.

Laut unseren Weisen im Talmud (B.T. Sota 42a) gibt es vier Arten von Menschen, die nicht zur Anwesenheit G“ttes zugelassen werden:

  • Die Spötter: Menschen, die alle Zurechtweisungen

von sich weisen und ins Lächerliche ziehen,

  • Die Lügner
  • Die Kriecher, die Speichellecker und die „Schmeichler“, und
  • Die Verbreiter schlechten Geredes.

Wenn wir für eine Audienz beim Allmächtigen in Frage kommen möchten – und darum geht es an Rosch Haschana – sollten wir uns selber prüfen, ob wir nicht gerade das Gegenteil unternehmen sollten oder Teil der vier Kategorien von Menschen sind, die für G“tt als unannehmbar gelten.

Dann könnten wir über unsere Mängel hinweg schreiten und direkt vor G“tt um Vergebung und Läuterung ersuchen. Wie gelingt das? Lassen wir mit der letzteren Kategorie anfangen.

Den Menschen, die eine böse Zunge haben, mangelt es an einem guten Herzen. Sie blicken auf ihre Mitmenschen hinab und möchten nur das Schlechte des anderen betonen. Psychologisch betrachtet, ist dieses außerordentlich erfreuend, denn indem Du den anderen erniedrigst, erhöhst Du Dich selbst. Aus übler Nachrede oder schlechtes Gerede spricht viel Unsicherheit über die eigene Werteinschätzung.

Wenn wir davon überzeugt wären, dass wir vor G“tt alle gleich und gleichwertig sind, gäbe es viel weniger Bedarf an Laschon Hara (üble Nachrede).

Kriecher, Speichellecker und „Schmeichler“ achten viel zu sehr auf den sozialen Druck aus der Umgebung und befürchten ungemein, die Gunst der Menschen um sie herum zu verlieren. Ein wenig mehr Selbstsicherheit, indem wir auf unser Judentum stolz sind und Kenntnisse über G“tt und seiner Thora haben, machen uns viel weniger vom Wohlwollen unserer Umwelt abhängig.

Lügner sollten davon durchdrungen sein, dass die Wahrheit letztendlich immer siegen wird und Spötter sollten sich darüber bewusst werden, dass „alles ins Lächerliche zu ziehen“ einen Abwehrmechanismus gegen jeden Impuls zur Selbstbesserung bildet. Nein, in der Tat, niemand möchte sich aus seiner bequemen Ecke hinaus begeben.

Jedoch hat das jedes Jahr wieder zu erfolgen.

Schana Towa!

Sof Ellul 5779

Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit ist unser Motto!

 

Oberrabbiner R Evers

 

Devarim/Deut. 11:26 „Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch. den Segen so ihr gehorchet den Geboten des Haschem, eures G‘ttes…“.

 

BERACHA Segen

Jeder einer sucht Beracha, Segen. Manche Menschen sind bereit, weite Reisen zu unternehmen, um einen Tzaddik, einen heiligen Menschen, für eine Beracha auf zu suchen und darum zu bitten, von dem erwartet wird, dass seine Berachot und Tefillot (Gebete) eher erhört werden.

Ein großer amerikanischer Rabbiner, Rabbi Mosche Feinstein, schreibt, dass er oft von Menschen aufgesucht wird, die ihn bitten, für sie zu Dawwenen – um Gesundheit, um Kinder, um Erfolg auf geistigem Gebiet oder um Parnassa (Lebensunterhalt, also Einkünfte, die diesen ermöglichen). Rabbi Feinstein spendete ihnen immer einen Segen und betete für Jedermann, der ihn darum bat.

In seinem Responsa (Antwortenschrift) (Igrot Mosche J.D. 4:51) schreibt er, weshalb er auf jede Bitte um Segen und Gebet einwilligte.

Er entnimmt verschiedenen Episoden der Thora, dass G“tt selber den Gebeten von nicht so guten Menschen zuhört: „Weshalb sollte G“tt dann nicht meinen Berachot und Tefillot zuhören?“. Rabbi Feinstein war ein bescheidener Mensch…

Chodesh Elul – die Monat Elul

Wir haben bereits damit begonnen, den Beginn des neuen Jahres vorzubereiten.

Dieses Jahr wieder kein Feuerwerk, keine Apfelklappen und Ölbälle und kein Champagner. Das ist nicht unser Minhag, Brauch.

Während des Monats Aw fasteten wir über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Warum trauern wir auch heute noch um den Verlust des Tempels.

Es war unbegründeter Hass, der diese große Tragödie auslöste, die das Ende der Unabhängigkeit Israels markierte und die Juden über die ganze Welt verteilte.

14:1 ‘Sie sind Kinder des Hashem

 

Wir haben eine Einheitsgemeinde und das bedeutet, dass wir alle zusammen Kinder desselben G’ttes sind.

Eine Einheitsgemeinde ist ein Versprechen und ein Auftrag zugleich.

Diese Einheit innerhalb der Jüdischen Gemeinde ist ein Schatz aus der Vergangenheit und ein Blick auf eine wunderschöne Zukunft.

Bruderstreitigkeiten dagegen gehören nicht zu unserem Erbe.

Lashon hara ist die erniedrigende, beleidigende oder schädigende Nachrede über andere Menschen. Lashon hara zerstört eine Gesellschaft.

Die Torah verbietet es, andere Menschen zu verhöhnen oder andere Äußerungen zu tätigen, die dem Anderen physischen, psychischen oder finanziellen Schaden zufügen.

Das steht in unserer Torah fast jede Woche und wieder in der Parscha dieser Woche.

Wir werden ständig gewarnt, uns gegenseitig zu helfen und ein ander zu unterstützen.

Lashon hara ist auch in jedem Fall verboten, in dem zwar die Information wahr ist, aber sie nicht öffentlich bekannt gemacht werden sollte.

Wenn man falsche abwertende Informationen verbreitet, dann nennt man das motsie shem ra (Verleumdung). Und das ist noch schlimmer.

Ein Leitprinzip unserer Gemeinde ist es immer gewesen, dass wir erkennen, verstehen und verinnerlichen, dass wir alle gemeinsam arbeiten zum Besten der jüdischen Ziele.

Aber – wir leben in einer nicht einfachen Zeit. Einige sagen sogar, dass wir in einer Zeit der Krise leben, sowohl im physischen als auch im psychischen Sinne.

Ist das unser Schicksal? Sind wir wirklich so schwach?

In der Torah steht, dass G’tt uns nicht erwählt hat, weil wir von so großer Zahl sind. Die Torah verspricht uns im Gegenteil, dass wir immer eine sehr kleines Volk bleiben werden: “Weil sie sind die kleinsten unter den Völkern” (Dew.7:7). Das bedeutet jedoch nicht, dass wir schwach oder ängstlich sind oder sein sollen.

Kraft und Energie liegt oft in kleinen, fast unsichtbaren Dingen verborgen. Unsere Stärke ist nicht so sehr die Quantität – sie liegt in unserer Qualität.

Wir müssen an uns arbeiten, um unsere kleine Zahl durch Pflege und Ausbau dieser Qualität zu kompensieren.

“Kinder sind Sie für Hasjeem. Macht keinen Unterschied” (14:1).

Dieser schöne prägnante Satz in meinem eigenen Barmitswa-sidra ist meine Lebensrichtschnur geworden. Leider gibt es noch viel zu tun, bis die gegenseitige Toleranz Wirklichkeit wird. Unsere Weisen wussten das schon vor 2000 Jahren.

Der Erste Tempel wurde aufgrund der drei wichtigsten Sünden Götzendienst, Mord und Inzest zerstört. Aber nach 70 Jahren wurde der zweite Tempel errichtet.

Doch auch der zweite Tempel wurde zerstört, diesmal durch den irrationalen Hass zwischen den Juden. Die Torah wurde intensiv studiert, Nächstenliebe war selbstverständlich. Und dennoch gab es viel unbegründete Eifersucht.

Nur der Hass ist umsonst!  Aber gewinnen kann man damit nichts.

Nur wenn wir bereit sind einander zuzuhören und einfühlsam mit dem Anderen umzugehen, nur dann gibt es Hoffnung auf Besserung. Aber dafür ist mehr als nur der reine Glaube an G’tt nötig.

Wir müssen auch verstehen, dass jeder Mensch uns gleich ist, dass uns allen der g”ttliche Funke innewohnt.

Dabei gilt besonders: Zwischenmenschliche Differenzen unterstreichen nur die Grösse des Hasjeem.

Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit ist unser Motto!

Und was geschieht mit unseren guten Vorsätzen nach Rosch Haschana?

Oberrabbiner R Evers

Awraham wurde zehn Mal geprüft. Wir lesen das an Rosch Haschana in der Thora. Die neunte Prüfung war das wegschicken seiner zweiten Frau Hagar und seines ersten Sohnes Jischma’ejl. Seine zehnte Prüfung war das „nach oben bringen“, die Fesselung, die Opferung seinen einzigen Sohnes mit Sara, Jitzchak.

Die Akeda, also die Fesselung, war die größte Herausforderung von Awraham. Er stand schon mit dem Messer in Position, als ein Engel aus dem Himmel zu ihm rief, er sollte ein Tier an seines Sohnes statt opfern. Der Engel sprach: „Awraham, Awraham.“ Und Awraham antwortete mit: hinejni, hier bin ich, bereit, G“ttes Willen komplett zu entsprechen.

Was war der Zweck aller dieser Tests und das auf die Probe stellen?  Nachmanides (dreizehntes Jahrhundert) erklärt, dass Awraham seine Gefühle vollständig auf G“tt fokussiert hatte. Aber das wurde nicht sichtbar. Er hatte das vollständig verinnerlicht. Für die Außenwelt war das weder sichtbar, noch zu bemerken.

G“tt wollte, dass die komplette Hingabe Awrahams sichtbar werden sollte, als ein Beispiel für die Welt, so dass jeder diesem folgen würde. G“tt wollte Awraham belohnen, indem er sein Potential öffentlich machte. Konkrete Taten machen alles viel reeller. Aber dazu ist ein großes und gutes Herz unbedingt erforderlich.

Der Engel sprach: „Awraham, Awraham“. Weshalb steht da zwei Mal Awraham? „Awraham, Awraham“ bedeutet, dass Awraham im Stande war, sein Potential in die Realität um zu setzen, um seinen vollständigen Glauben auch auf Erden klar zu zeigen. Wir dürfen uns nie für spirituelle Mittelmäßigkeit entscheiden und ein geistiges „weniger als alles“. Wir sollten dem Höchsten, dass wir erreichen können, entgegen streben. Awraham konnte sagen, dass er sein Potential realisiert hatte.

Was können wir sagen?

An Rosch Haschana akzeptieren wir G“tt als Awinu Malkejnu, unseren Vater, unseren König. Wir laden das „himmlische Joch“ auf uns, um es dieses Jahr wieder besser zu machen. Aber Rosch Haschana ist lediglich der Anfang. Es ist das Sprungbrett für eine bessere Zukunft. Gute Vorsätze sollten in die Praxis umgesetzt werden. Bei uns geht es um die tatsächlichen Ergebnisse. Keine Worte, sondern Taten.

Es gibt eine Geschichte über einen berühmten Rabbiner, der seine fünf Schüler – allesamt große Weisen – beauftragte, zu erforschen, was die beste Art zu leben sein könnte.

Er sprach zu ihnen: „ Suchet für mich, was der beste  Lebensweg sein könnte, den optimalen Lifestyle.  Sie gelangten alle zu unterschiedlichen Ergebnissen:

  • Rabbi Elijeser sagte, ein gutes Auge sei das
  • Beste. Damit befreien wir uns von Hass und Eifersucht. Wenn wir uns am Erfolg eines Anderen erfreuen und Andere positiv betrachten, schmilzt das Böse dahin wie der Schnee in der Sonne.
  • Rabbi Jehoschu’a sprach, ein guter Freund sei besser. Er teilt mit uns unsere Simches und unsere Tzores; wir sind gut zu einander und das schafft eine bessere Welt.
  • Rabbi Jossej sagte, ein guter Nachbar sei noch besser. Er sei zu jedem freundlich und sei auch noch in meiner Nähe. Eine bessere Welt könne er sich nicht vorstellen.
  • Rabbi Schimon sagte, wer die Folgen seiner Taten überblicken könne; so ein Mensch fürchte G“tt, wäre vorsichtig und könne uns eine guten Rat geben.
  • Rabbi Elasar sprach: ein gutes Herz.

Deren Rebbe fand die Ansicht seines Schülers Elasar am Besten. Weshalb? Da ein gutes Herz der Anfang von allem ist: ein gutes Auge, gute Freunde und Nachbarn, eine bessere Gesellschaft, mehr Rücksicht im Umgang mit Anderen, mit der Umwelt und mit G“tt. Eifersucht, Hass, Neid und Streit werden nur hiermit effektiv bekämpft.

Aus voller Brust singen wir alle zusammen Awinu Malkejnu, unser Vater, unser König. Wir anerkennen G“tt als den König des Universums. Aber das darf nicht nur bei schönen Worten und Gedanken bleiben. G“tt ist mit dem Wort GUT verwandt, also auch verlinkt. Genau so, wie ein gutes Herz die Basis für jede Verbesserung in jedem Bereich unseres Lebens ist, ist auch die Akzeptanz des Ultimativen Guten als Herrscher und als Basis dieser gesamten Welt, der gute Anfang für das Neue Jahr.

Schana Towa Umetuka, ein gutes und gesundes Neues Jahr 5780.

Rabbinat

Regelmäßige Gebetszeiten sind:

  • Montag – Freitag 8.00 Uhr
  • Sonntag sowie an gesetzlichen Feiertagen um 9.00 Uhr
  • Freitagabend / Kabbalat Schabbat 19.00 Uhr
  • während der Sommerzeit vorher um 18.45 Uhr Mincha
  • Schacharit am Schabbat um 9.15 Uhr
  • Mincha mit Seuda Schlischit ist abhängig von Schabbatzeiten
  • Während der Winterzeit: Mincha jeweils eine Stunde vor Schabbatausgang,
    anschließend Seuda Schlischit und Ma’ariv /Hawdalah

Ansprechpartner im Rabbinat sind:
Oberrabbiner: Raphael Evers LLM MSc
Rabbiner: Benzion Dov (Vladyslav) Kaplan
Sekretariat: Keren Padan
Öffnungszeiten:
Montag – Donnerstag 8.30 – 15.00 Uhr
Freitag 8.30 – 13.00 Uhr
sowie nach Vereinbarung

0211 / 469 12 16

rabbinat@jgdus.de