Ein Gespräch mit Michael Rubinstein.

Was reizt Sie an der Position Gemeindedirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf?

Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist meine Heimatgemeinde. Hier bin ich geboren und groß geworden. Von Kindesbeinen an war diese Gemeinde immer eine Art zweites Zuhause für mich. Das fing mit dem Kindergarten an, dann kamen Jugendzentrum und Religionsschule, dann die Studentenarbeit, Organisation von Veranstaltungen und Mitarbeit in verschiedenen Gemeindeausschüssen. In den letzten 20 Jahren hat sich die Gemeinde wie wir alle wissen stark verändert, von ihrer Größe her, in der Zusammensetzung ihrer Mitglieder, in ihren Aufgaben, Herausforderungen und Möglichkeiten. Gerade jetzt ist eine Zeit, in der die Weichen für die Zukunft gestellt werden, sei es das Gemeindezentrum Neuss, das neue Gebäude für das Albert-Einstein-Gymnasium oder das jüdische Quartier. Daran aktiv mitwirken zu können ist sicherlich mit der größte Anreiz – und gleichzeitig auch eine große Herausforderung.

Warum haben Sie vom Landesverband in die Gemeinde gewechselt?

Ganz sachlich betrachtet ist das natürlich eine gute Frage. Warum geht man als Geschäftsführer des mitgliederstärksten jüdischen Landesverbandes in Deutschland in eine Gemeinde. Die Antwort ist relativ simpel: In meinen elf Jahren als Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheom/Ruhr-Oberhausen habe schätzen gelernt, wie viel einem die unmittelbare Arbeit an der Gemeindebasis machen kann, wie man, wenn alle an einem Strang ziehen, vieles Gutes für die Gemeinde erreichen kann, die Veränderungen und Erfolge sehen und spüren kann. Michael RubinsteinDas ist in einem überregionalen Verband anders, da ist man im Alltag nicht mehr ganz so nah dran am Alltagsgeschehen. Ich hatte den großen Wunsch, wieder ganz nah am Puls der Gemeinde zu sein.

Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Aufgaben als Gemeindedirektor?

Wieviel Platz haben wir in dieser Zeitung? Aber mal im Ernst, die Aufgaben des Gemeindedirektors sind extrem vielfältig. Das macht es sehr herausfordernd, im positiven Sinn wie auch was die Fülle der Arbeitsfelder betrifft. Ich sehe die wesentlichen Aufgaben darin, die Vorgaben und Entscheidungen von Vorstand und Gemeinderat gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Abteilungen der Gemeinde umzusetzen und gleichzeitig Ideen, Konzepte und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, die wiederum für die gewählten Gemeindevertreter als Basis ihrer Beratungen bzw. Beschlüsse dienen. Gleichzeitig gilt es, die Gemeinde organisatorisch und finanziell auf ein weiterhin gesundes Fundament zu stellen, Gutes zu verbessern und Dinge, bei denen wir wissen, es gibt noch Luft nach oben, erfolgreich anzugehen. Dazu obliegt mir die Personalführung, was ein sehr zentraler Bereich ist und ich sehe meine Aufgabe auch darin, inhaltlich an der Weiterentwicklung unserer zahlreichen Angebote für unsere Mitglieder mitzuwirken. Rein bildlich gesprochen: über dem Eingang unseres Gemeindezentrums steht „Herzlich Willkommen“. Das ist für mich ein Leitmotiv: unsere Gemeinde soll ein Zuhause sein, in das man gerne kommt und sich bereits beim Betreten willkommen fühlt. Das mag banal klingen bedeutet aber eine Menge Arbeit.

Welche Kompetenzen muss ein Verwaltungsleiter haben, um die Aufgaben erfüllen zu können?

Durchsetzungsstärke einerseits und Teamfähigkeit anderseits sollten vorhanden sein. Eine Organisation mit der Größe der Gemeinde kann man nicht alleine auf der Arbeitsebene führen und man sollte es auch erst gar nicht versuchen. Klare Vorstellungen zu haben und diese organisatorisch auf den Weg bringen zu können sind ebenso wichtig wie eine offene Ansprache der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch wenn man sich Gemeindedirektor nennen darf – kein Mensch beherrscht alle Bereiche und ist Fachmann in allen Themen und es ist sicherlich eine Kompetenz, den Gesamtüberblick zu bewahren und gleichzeitig die Fachleute innerhalb des Teams ihre Expertise zum Wohl der Gemeinde einzubringen. Daher bin ich sehr glücklich darüber, mit Jörg Lorenz nicht nur einen erfahrenen Kaufmännischen Direktor an meiner Seite zu haben, sondern dass sich Vorstand und Gemeinderat dazu entschieden haben, die Gemeindeverwaltung in den Bereichen Kommunikation und Gemeindeentwicklung personell zu erweitern. Politisches Fingerspitzengefühl ist definitiv von Vorteil sowie die Fähigkeit, als Scharnier zwischen Ehren- und Hauptamt zu fungieren. Zu guter Letzt ist eine gewisse Repräsentationsfähigkeit nicht von Nachteil.

Welchen Führungsstil bevorzugen Sie?

Ich versuche authentisch zu sein, alles andere führt mittel- und langfristig zum Gegenteil dessen, was man erreichen will. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen bzw. müssen das sichere Gefühl haben, dass sie und ihre Arbeit geschätzt werden. Die Zahnräder müssen alle ineinandergreifen. Dazu gehört eine klare, offene und vertrauensvolle Kommunikation, die ich mir übrigens auch in meine Richtung wünsche. Zu führen bedeutet, die Menschen hinter sich zu vereinen. Sie müssen wissen, dass der Mann vorne für sie das Kreuz breit macht und ich muss mich darauf verlassen können, dass mir von hinten kein Ungemach droht. Solange sich alle daran halten, wird es ein gedeihliches Miteinander geben. Alles andere wird sich zeigen, wenn ich meine Arbeit aufgenommen habe.

Vor welchen Herausforderungen – würden Sie sagen – steht die Gemeinde insgesamt?

Drei große Bereiche habe ich ausgemacht: die finanziellen Herausforderungen, die mit dem wachsenden Angebot, insbesondere im Bildungsbereich sowie in der psychosozialen Daseinsvorsorge, einhergehen. Zweitens der demographische Wandel, der auch nicht vor unserer Gemeinde halt macht und noch dazu führt, dass die Gemeinde bei den Mitgliederzahlen kleiner wird. Und nicht zuletzt werden wir uns stärker noch als bisher den äußeren politischen und gesellschaftlichen Veränderungen erwehren müssen, die durchaus das Potential haben, jüdisches Leben hier zumindest wesentlich schwerer und weniger unbeschwert werden zu lassen. Gerade auch deswegen sollten wir innerjüdisch zusammenhalten und unsere Diskussionen in einem konstruktiven Rahmen führen.

Durch die Pandemie steht die Gemeinde vor einer weiteren großen Herausforderung. Wie sieht die Arbeit aktuell aus?

Es ist natürlich ein völlig anderes arbeiten, weil die klassische Gemeindearbeit momentan nicht stattfindet. Es ist eine Arbeit mit den Menschen, mit den Gemeindemitgliedern, obwohl sie im Augenblick gar nicht da sind. Wir müssen sie anders erreichen. Und wir müssen sie vor allem versorgen. Aber wir haben in unserer Gemeinde einen breiten Solidaritätsgedanken. Wir haben viele Freiwillige, die gesagt haben, dass sie gerne helfen. Viele haben gezeigt, dass sie sich für andere Menschen einsetzen wollen und helfen so viel, wie sie eben können. Ein gutes Beispiel ist bei uns die Sicherheitsabteilung. Wir haben weniger in der Sicherheit zu tun, wir brauchen aber Leute auf dem Friedhof, die den Minjan sicherstellen und den Sarg tragen. Und das übernehmen im Augenblick unsere Sicherheitsleute. Es wird deutlich, dass es hier nicht nur ein Job für die Mitarbeiter ist, sondern dass sie auch das Gemeinschaftsgefühl ausleben.

Glauben Sie an eine Veränderung in der Gesellschaft durch die Pandemie?

Ich glaube, dass bei uns allen eine gewisse Demut eintritt. Wir sind es nicht gewohnt uns morgen anzustellen, wenn wir irgendwohin wollen. Wir sind es vielleicht auch nicht gewohnt, dass es beim Einkaufen nicht immer alles gibt. Möglicherweise entschleunigen wir uns ein bisschen und schätzen es auch mehr wert, welche Freiheiten wir haben. Ich hoffe, auch für die Gemeinde, dass wir wieder ein bisschen mehr zusammenrücken. Wir leben in einer Zeit, die sehr oberflächlich und sehr schnelllebig geworden ist. Wir sollten uns wieder mehr für unsere Mitmenschen interessieren und auf sie zu gehen. Und auch den Blick für den Anderen zu entwickeln. Das ist mir persönlich aber auch ohne Corona wichtig.

Das Interview führten Polina Ivanova und Zeev Reichard