Im Gespräch mit dem neuen Vorstandsmitglied Alon Dorn

Was bedeutet es für Dich als Kind der Gemeinde nun im Vorstand zu sein?

In erster Linie kann ich etwas zurückgeben und gutmachen für die nachfolgenden Kinder. Ich bin hier als Kind sehr privilegiert und gut behandelt worden. Aus der Düsseldorfer Gemeinde zu kommen war für mich immer etwas Besonderes. Das hat man auch gemerkt, wenn man auf andere Gemeinden gestoßen ist. Wenn man beispielsweise auf Machanot gefahren ist und gesagt hat, dass man aus Düsseldorf kommt, war man sehr dafür bekannt, eine sehr fundierte, gute jüdische Bildung bekommen zu haben. Bei uns waren die Familien anders, als in anderen Gemeinden. Und so ist man auch sehr wohlwollend aufgenommen worden. Und ich habe das immer als ein Privileg empfunden und wahrgenommen. Mir lag was daran, diesen Weg auch weiterführen zu wollen. Und wenn ich das heute machen darf, dann freue ich mich darüber, dass sich die Gemeindemitglieder auch dafür entschieden haben, dass sie diesen Weg eben auch weiter haben möchten.

Glaubst Du, dass die Erwartungshaltung an Dich jetzt noch größer ist?

Erstmal möchte ich sagen, dass man an Ruthi (Anm. Ruth Rubinstein, Vorgängerin von Alon Dorn im Vorstand), ihre soziale Einstellung und ihre Herzlichkeit nicht rankommen kann. Das war mir bewusst und das ist mir auch jetzt bewusst. Doch bevor ich das Amt angenommen habe, habe ich ausgiebig mit ihr gesprochen und sie hat mir versprochen, mich zu unterstützen. Alon DornIch genieße es sehr, dass sie an meiner Seite ist und mir hilft. Daher mache ich mir keine Gedanken, ob die Erwartungshaltung größer ist, als sie sonst wäre. Ich schätze die Unterstützung von Ruthi sehr und bin froh, dass wir uns oft austauschen können.

Viele Gemeindemitglieder sagen über Dich, dass Du Dein jüdisches Herz am rechten Fleck hast. Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Das ist schön zu hören! Ich würde sagen, ich bin ein Kind dieser Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, die sehr nah ist an der modernen Orthodoxie. Und da würde ich mich ansetzen. Die wichtigsten Dinge, die mein Charakter ausmachen, sind Menschlichkeit und Jüdischkeit. So würde ich mich zumindest beschreiben. Und ich hoffe, dass das auch so wahrgenommen wird. Und ich hoffe, dass ich jetzt, wo ich Entscheidungsträger bin, trotzdem auch so wahrgenommen werde. Weil es manchmal auch sehr schwierig ist „Nein“ zu sagen. Aber auch das gehört eben jetzt zu meinen Aufgaben.

Wie war die Resonanz der Gemeindemitglieder, als Du in den Vorstand gewählt wurdest?

Natürlich kamen Menschen auf mich zu, die mir wohlgesonnen sind, und haben mir gratuliert und gesagt, dass sie sehr froh sind, dass ich das jetzt mache. Aber nicht um mich mit meiner Vorgängerin zu vergleichen, sondern einfach nur, um mir ihre Zustimmung zu geben. Allerdings kam im Anschluss dann auch schon die Corona-Pandemie. Daher fiel das direkte Feedback dann leider weg.

Was sind Deiner Meinung nach die Herausforderungen, die der Gemeinde bevorstehen?

Unsere Bildungsinstitutionen sind für mich der Schwerpunkt. Als jüdischer Mensch denkt man allen voran an die Kinder – ob groß oder klein. Und für mich gehören da dann auch die jungen Erwachsenen dazu. Und diese Menschen, die wir sehr gut ausbilden, müssen wir bei uns behalten. Wir müssen diese Menschen an unsere Gemeinde binden. Das ist glaube ich die größte Herausforderung dieser Gemeinde. Es ist wichtig, dass sie sich in der Gemeinde heimisch fühlen und es als ein zweites Zuhause ansehen. Ich werde häufig adressiert mit „ihr“. Aber das verstehe ich nicht. Es ist doch „wir“. Wir sind Gemeinde und wir sind Gemeinschaft. Und da spielt es keine Rolle, wer von uns heute oder Morgen eine ehrenamtliche Position bekleidet. Es bleibt trotzdem unsere Gemeinde. Und wir alle müssen etwas dafür tun und etwas dafür geben – oder auch nur teilnehmen, um diese Gemeinde mit Leben zu füllen. Das ist meiner Meinung nach die größte Herausforderung.

Wo siehst Du Deine persönlichen Herausforderungen? Wo kannst Du neue positive Impulse setzen?

Das ist sicherlich im Ausbau der bestehenden Infrastruktur und der Institutionen, die wir haben. Wir haben ein Altenheim und es gibt einen dringenden Bedarf von betreutem Wohnen. Und ich möchte so schnell wie möglich, dass es realisiert wird. Wir haben ein Gymnasium – es ist aber noch nicht unser Zuhause. Ich möchte unbedingt, dass wir schnell ein Gebäude oder ein Komplex finden, wo wir ein zukünftiges jüdisches Gymnasium haben, was auch irgendwann mal einen hundertsten Geburtstag dort feiern kann. Für mich ist die Jugendarbeit immer sehr wichtig gewesen, weil es zu meiner Zeit mein zweites Zuhause war. Ich möchte, dass Jugendzentrum weiter ausbauen. Außerdem wird es durch die Corona-Pandemie zu Steuerausfällen kommen, die natürlich auch die Gemeinde betreffen. Und auch da müssen wir dann schauen, wie wir unsere Projekte realisieren können. Das werden erhebliche Herausforderungen für uns sein.

Wie motivierst Du Gemeindemitglieder sich für die Gemeinde zu engagieren?

Ich möchte, dass Gemeindemitglieder hier wirklich ein zweites Zuhause haben. Wenn man sagt, das ist mein Zuhause, dann bringt man sich auch automatisch ein. Man kommt ins Foyer und man sieht auf dem Boden ein Stück Papier, dann hebt man es auf. So wie man das auch bei sich zuhause machen würde. Und wenn man einfach dieses Gefühl hat, dann kommt alles andere von ganz alleine.

Allmählich kehrt nach der Corona-Krise wieder ein Hauch von Normalität zurück in den Alltag. Wie hast Du die Situation wahrgenommen und wo hast Du Veränderungen in der Gesellschaft wahrgenommen?

Ich hoffe, dass wir aus dieser Krise schnellstmöglich hinauskommen. Grundlegende Hygieneerziehung wird jetzt noch mehr gefestigt werden. Ich denke, dass der herzliche Körperkontakt in weite Ferne rückt. Ob wir da überhaupt noch einmal hinkommen, bleibt fraglich. Oder ob meine Enkelkinder sich wundern, warum man früher überhaupt die Hand gegeben hat. Allerdings spüre ich in der Gesellschaft durch die Entschleunigung eine höhere Aufmerksamkeit und Freundlichkeit dem Anderen gegenüber. Ich habe das aber auch immer so in der Gemeinde empfunden. Zusammenhalt ist in der aktuellen Krise enorm wichtig. Daher habe ich gemeinsam mit meinen Kollegen aus dem Gemeinderat etwas initiiert, dass eben genau diesen so wichtigen Zusammenhalt in unserer Gemeinde weiter festigen soll. Es soll bald ein jüdisches Telefonbuch, eine Art jüdische Gelbe Seiten geben, das wir bald veröffentlichen wollen. Es geht darum, dass wir als Gemeinde, als Gemeinschaft uns gegenseitig helfen. Wenn man in dieses Telefonbuch schaut und sieht, dass es auch einen jüdischen Schuster gibt, dass ich meine Schuhe dann eben dort hinbringe, auch um ihm zu helfen. Solche Möglichkeiten müssen wir in dieser Gemeinde weiter ausbauen, weil in Bezug auf gegenseitige Hilfe in unserer Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sehr viel Potenzial ist.

Das Interview führte Zeev Reichard